"Wir sind gezwungen, unsere Beziehung zu unserer Identität zu überdenken."
Laurent Haug, Gründer von LIFT lab, bezweifelt, dass sich die Mechanismen von Reputation und Identität groß gewandelt haben. Vielmehr sind diese Mechanismen durch den Einsatz neuer Technologien im Identitätsmanagement auf eine globale Ebene gebracht worden. Dadurch hat sich hat sich auch die Tragweite von Entscheidungen in diesem Feld radikal verändert.
Trendbüro: Sie sind der Gründer von LIFT lab, einer Forschungs- und Beratungsgesellschaft. Des Weiteren organisieren Sie die LIFT Conference. Was genau tut LIFT lab? Was ist das Ziel der LIFT Conference?
Laurent Haug: LIFT organisiert eine Reihe von Veranstaltungen über die Auswirkungen neuer Technologien auf unsere Gesellschaft. Dazu bieten wir eine interessante Mixtur aus Gesprächen, Workshops und Kunst an. Ziel ist es allen, die sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen, eine Plattform zu bieten, um sich zu vernetzen und zu inspirieren. LIFT08 hatte 700 Teilnehmer aus der ganzen Welt. Diskutiert wurden Themen wie Gaming, Anthropologie, neue Formen der Arbeit und weitere Zukunftsaussichten. Neben der Konferenz, bin ich auch für LIFT lab verantwortlich. Wir sind eine Dienstleistungsfirma, die in Forschung, Beratung und Rekrutierung tätig ist. Darüber hinaus organisieren wir Veranstaltungen für große Organisationen.
Unsere Identitäten immer transparenter. Viele unserer täglichen Geschäfte werden rückverfolgbar. Über Facebook, Myspace, Xing, usw informieren wir unseren Bekanntenkreis quasi in Echtzeit über jede unserer Aktionen. Wie verändert diese neue Transparenz die Konzepte von Anonymität und Datenschutz?
Vorweg, ich halte diese neuen Werkzeuge für sehr einseitig und unausgereift. Selbst ein extrem eingefleischter User stellt nicht mehr als 5% seiner Erlebnisse und Gedanken ins Netz. Jede Minute haben wir hunderte von Gefühlen und Gedanken. Von denen gelangt nur der kleinste Teil ins Netz.
Ich glaube also nicht, dass unsere Identität an sich online geht. Vielmehr entsteht eine neue Form von Identität. Alles was sie online sagen, ist so als würde es live im Fernsehen übertragen werden. Und alles wird archiviert. Allerdings wird ihre Privatsphäre dadurch nicht beschnitten. Es handelt sich einfach um einen neuen Mechanismus und es reicht sein Verhalten den Veränderungen anzupassen. Das Problem mit Online-Identitäten ist, dass den meisten Leute die Regeln nicht bewusst sind, nach denen sie funktionieren. Aber sie sind diesen Regeln unterworfen, ob sie nun wollen oder nicht. Wir sind gezwungen, unsere Beziehung zu so elementaren Dingen wie Identität oder Privatsphäre zu überdenken.
Mark Vanderbeeken, Autor des Blogs Putting People First ist davon überzeugt, dass unsere Identität zunehmend digital wird und dadurch nicht nur von uns selbst, sondern auch von anderen gestaltet wird. Verlieren wir die Kontrolle darüber wer wir sind?
Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Kontrolle verlieren. Ich glaube, wir bekommen nur mehr Feedback als früher. Wenn sie vor 100 Jahren in einem Dorf nach Information oder Meinungen über einen x-beliebigen Bewohner haben wollten, mussten sie nur die Leute auf der Straße fragen. Jeder kannte jeden. Dank neuer Technologien und Rating-Seiten, wie Facebook compare, Hot or Not, usw. können wir sehr schnell herausfinden, was andere über uns denken. Und plötzlich haben wir das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ich frage mich, ob das nicht lediglich ein ganz alter Prozess ist, der sich nun auf globaler Ebene wiederholt.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat aus seinen Fehlern mit dem Targeting Projekt Beacon gelernt. In einem Interview sagt er, um an persönliche Daten der User zu kommen, muss man ihnen vollkommen transparente Kontrolle über diese Informationen geben. Welche Konsequenzen ergeben sich für Firmen im Umgang mit ihren Kundendaten?
In dieser Situation stehen die Interessen des Einzelnen in Konflikt mit den Interessen von Organisationen. Es ist schwer zu sagen, was die richtige Lösung ist. Auf der einen Seite brauchen Werber soviel Information wie möglich. Auf der anderen Seite steht der Verbraucher und sein Wunsch nach Datenschutz. Ich bin mir nicht sicher, ob diese beiden Interessen so friedfertig nebeneinander existieren können wie Mark Zuckerberg glaubt.
Facebook versucht so etwas wie eine digitale Tupperparty zu kreieren. Werbebotschaften werden über Mundpropaganda verbreitet und nicht mehr über Werbungen beim Superbowl-Finale. Das ist theoretisch sehr effektiv, aber man kann so etwas nicht hinter dem Rücken der User machen. Wie viele Produktempfehlungen vertrage wir pro Tag, ohne dass uns langweilig wird? Was wird passieren, wenn jeder neue Kontakt mehr Werbung bedeutet? Die User werden anfangen Kontakte zu löschen und die Vernetzung wird abnehmen. Es wird interessant sein, zu sehen, wo sich die verschieden Plattformen zwischen den Polen beider Dimensionen positionieren.
Beim 13. Trendtag geht es um Identitätsmanagement. Auf der Suche nach Anerkennung und Bestätigung probieren die Konsumenten verschiedene Rollen aus. Wir akzeptieren die Rolle, die uns die meiste Anerkennung sichert. Welche Beobachtungen haben Sie in diesem Zusammenhang gemacht?
Anerkennung war schon immer ein treibender Faktor für die Menschen, das ist in der Online-Welt nicht anders. Durch das Internet können wir unsere Identitäten über Grenzen, Kultur und Religion hinaus gestalten. In diesem Sinne erleichtert uns das Internet die Schaffung unserer Identität.
Aber geht es bei Identität um die Rollen die wir annehmen? Sollte es nicht vielmehr darum gehen, man selbst zu sein, ohne irgendwelche Rollen zu spielen? Online-Beziehungen sind sehr beschränkt und drängen uns Rollen auf (Studien haben bewiesen, dass E-mail Empfänger nur in 50% aller Fälle den Gemütszustand des Senders richtig erkennen). Das kann für einige Personen einen konstruktiven Effekt haben, zum Beispiel für schüchterne Personen, die sich plötzlich in Foren frei äußern können. Für andere kann es aber auch enormen Druck bedeuten, wenn sie das Gefühl bekommen, auch außerhalb des Netzes die Rolle annehmen zu müssen, in der andere Mitglieder der Community sie sehen.

