„Immer mehr Unternehmen erkennen den Wert des Teilens. Durch eine hybride Mischwirtschaft aus klassischem kommerziellem Modell und einer „Sharing Economy“ entstehen gesellschaftlicher Mehrwert und unternehmerischer Fortschritt.“

Mit dem diesjährigen Trendtags Keynote Speaker Lawrence Lessig sprach Trendbüro Consultant Patrick Schenck

Lawrence Lessig ist Rechtsprofessor an der Stanford Law School, an der er auch das „Center for Internet and Society“ gegründet hat. Im Sommer 2009 wird Lessig zur juristischen Fakultät in Harvard wechseln. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied von „Creative Commons“, einer Non-Profit-Organisation, die sich für eine Erneuerung des Urhebergesetzes einsetzt, durch die der Allgemeinheit Nutzungsrechte an Musik, Text oder Video eingeräumt werden können. In seinem neuesten Buch „Remix: Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy“ beschreibt er, wie der „Krieg gegen Piraterie“ mit den heutigen Urheberrechten die Kreativität in der Kultur beschränkt. Als Lösungsvorschlag zeigt Lessig auf, wie kommerzielle und Sharing Economies nebeneinander existieren können.

Was ist Ihre Definition von sozialem Reichtum?
Aus meiner Sicht ist sozialer Reichtum die Bandbreite von kulturellen und sozialen Ressourcen, die jeder Einzelne mitbringt und aus denen unsere gesamte Gesellschaft schöpfen kann. Wenn man ganz frei zum Allgemeingut beitragen kann. Wenn man reichhaltige und einflussreiche Gemeingüter zur Verfügung hat. Wenn man die Möglichkeit hat, zum Allgemeingut beizutragen und darauf aufzubauen, aber die Kultur auch kritisieren kann – dann besitzt eine Gesellschaft sozialen Reichtum.

Was ist die Botschaft Ihres neuen Buches?
Mein Anliegen: Es ist dringend notwendig, dass wir die aktuell gültigen Urheberrechte an die Rechtsbedingungen und Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts anpassen. Wenn wir dies versäumen, kriminalisieren wir die gesamte junge Generation, die in unserer Remix-Kultur tätig ist.

In Ihrem Buch schreiben Sie von einer hybriden Ökonomie, in der kommerzielle und gemeinnützige Wirtschaft gemeinsam existieren.
Durch das Internet erkennen wir die Chancen, die eine Kollaboration kommerzieller Unternehmen (das sind zum Beispiel klassische Buchhandlungen und andere traditionelle Betriebe) mit der sogenannten Sharing Economy bietet. Das Paradebeispiel der Sharing Economy, der Teilwirtschaft, ist Wikipedia: Menschen leisten einen riesigen Beitrag und bringen ihre Ressourcen ein, um eine Unternehmung zu unterstützen. Nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern, weil sie etwas erschaffen wollen, was für sie großen gesellschaftlichen Wert besitzt. Durch das Zusammenspiel der klassischen kommerziellen Ökonomie mit der Sharing Economy entsteht eine Hybridform: Die kommerzielle Ökonomie baut auf dem Gedanken des Teilens auf und schafft daraus etwas kommerziell Erfolgreiches. Florierende Unternehmen wie Amazon oder Google bilden eine Hybridform, indem sie im Informationsaustausch mit den Usern einen Mehrwert generieren – für sich als Unternehmen, aber auch für die Allgemeinheit, etwa als bewertete Informationen in Form von sortierten Suchergebnissen oder personalisierten Buchempfehlungen.

Was sind die Voraussetzungen, um in der hybriden Ökonomie Erfolg zu haben?
Unternehmen müssen Respekt gegenüber den kreativen und sich einbringenden Nutzern zeigen. Sie müssen ihnen die Rechte geben, die sie dazu brauchen. Unternehmen müssen die Freiheit und Ungebundenheit der Konsumenten respektieren, die sich stets weiterentwickeln wollen und damit Raum für Wettbewerb schaffen. Statt auf das „Alle Rechte vorbehalten“-Modell des 20. Jahrhunderts zu setzen, sollten sie sich den neuen Medienrealitäten des 21. Jahrhunderts öffnen. Es dreht sich also alles darum, wie man eine Beziehung zur Sharing Economy aufbaut. Das heißt aber gerade nicht, dass Unternehmen die Maxime aufgeben sollen, auf Erfolg und Absatz abzuzielen. Die Beschränkungen und der Kontext, in denen man geschäftlich tätig ist, haben sich aber geändert. Das müssen Unternehmen berücksichtigen.

Inwiefern verändert sich die Einstellung zum „Sharing“, zur gemeinsamen Nutzung von Informationen und Ressourcen?
In meinem Buch „Remix“ spreche ich von der hybriden Ökonomie. Der Grundgedanke meines Buches ist, dass Unternehmen den Wert der gemeinsamen Nutzung erkennen. Und das stimmt mich optimistisch. Denn wenn das Teilen zu immer mehr Wertschöpfung führt, nehmen das auch andere Unternehmen wahr und schließen sich dieser Strömung an. Als erfolgreiches Unternehmen kann man politisch Einfluss nehmen – das ist die Chance, die politischen Kräfte, die sich an das alte Copyright-System klammern, zu überzeugen. So kann Fortschritt stattfinden.

Wie hat sich unser Umgang mit Kultur verändert?
Man kann zwei Verhaltensweisen im Umgang mit Kultur unterscheiden. Die eine ist das klassische Couch-Potato-Modell des 20. Jahrhunderts: Kultur wurde passiv konsumiert (Medienmacher behandelten ihre Zuhörer und Zuschauer nach dem Motto „Shut up and listen!“). In diesem Modell hatte Erfolg, wer über möglichst viele Wege den Konsumenten eine passive Form der Kultur verkaufte. In meinem Buch „Remix“ betone ich, dass dieses Kulturmodell historisch eine Ausnahme darstellt. Im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der digitalen Technologien, gibt es einen viel aktiveren Umgang mit Kultur. Heute sind mehr Menschen dazu in der Lage, selbst zu kreieren und ihre Kreativität zu teilen. Damit erschaffen sie Kultur und entwickeln sie weiter. Das sollten wir als etwas Positives ansehen! Gleichzeitig sollten wir den aktiveren Umgang mit Kultur legalisieren, ihn fördern und unseren Kindern lehren. Wir sollten uns mehr und mehr darüber bewusst werden, dass das passive Kulturverständnis des 20. Jahrhunderts eigentlich doch sehr sonderbar war.

Wie können wir Kreativität auf eine legale Art und Weise fördern?
Wir brauchen ein Copyright-System, das die Funktionsweise von digitaler Technologie berücksichtigt und sich ihrer bedient, anstatt sich von ihren Möglichkeiten abzuschotten. Im Moment wird Kreativität streng durch die Urhebergesetze reguliert. Die Gesetze regeln jegliche Art von Kreativität, gleich ob es sich um die Kreativität von Amateuren oder professionellen Akteuren handelt. Wir sollten es für Leute leichter machen, kreativ zu sein und Kreativität zu teilen. Ein entscheidender Teil dieses Updates ist die Liberalisierung der Amateurkultur. Andererseits muss durch die Neuformulierung der Urheberrechte sichergestellt werden, das die professionellen Künstler für ihre kreative Arbeit bezahlt werden. Als Nächstes ist es wichtig, diese Form der Kreativität in unsere erzieherischen Bildungspläne zu integrieren.
Heute sind wir immer noch der Meinung, dass man in der Schule hauptsächlich das Schreiben lehren sollte. Schreiben ist eine Form der „Read/Write Kreativität“, aber sicherlich nicht mehr die wichtigste. Heutzutage ist das Medium Video für Kinder viel interessanter, weil sie sich selbst mittels Bild, Ton usw. präsentieren können. Deshalb ist es so wichtig, ihnen darin Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln. Das sollte ein fixer Bestandteil von kultureller Erziehung und Bildung sein.

Wenn von Copyright die Rede ist, fällt oft der Terminus „Fair Use“. Wie würden Sie diese „faire Nutzung“ definieren?
Die eigentliche Idee von Fair Use liegt darin, die Reichweite von Urheberrecht zu begrenzen, um sicherzustellen, dass es nur diejenigen Bereiche schützt, die auch wirklich Schutz benötigen. Das Konzept von Fair Use ist ein sehr kostbares: Wir reißen nicht die Kontrolle des Copyright-Besitzers an uns in Angelegenheiten, in denen es nicht angemessen ist.

Welchen Ratschlag würden Sie einem Strategen geben, der nicht aus der Medienbranche kommt?
Ich denke, die wichtigste Veränderung findet im Geiste statt. Die Einstellung, die in den 1980ern und 1990ern vorherrschte, dass man durch Kontrolle Werte schaffen kann, ist im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen eine Geisteshaltung, die lernt, wie man sich die sozialen Bottom-up-Bewegungen zunutze macht. Und zwar so, dass neue Werte für Handelsunternehmen entstehen, ohne dass dadurch die gesellschaftliche Dimension der sozialen Bewegungen blockiert wird.

Wie lautet Ihre Copyright-Prognose für die nächsten 10 bis 15 Jahre? Was wird sich verändern?
Ich hoffe, das Copyright wird weniger ehrgeizig sein in seinen Bemühungen, die Kultur zu regulieren. Ich wünsche mir, dass es seinen Fokus auf den relativ kleinen, aber wichtigen Teil der Kultur konzentriert, der kommerzieller Regulierungen bedarf. Auch hoffe ich, dass es die essenzielle Notwendigkeit von freiem Kulturzugang anerkennt. Und das auf eine Art, die es den Menschen ermöglicht, von der Kultur zu profitieren. In der heutigen Welt versucht uns das Konstrukt des Copyrights und die Mentalität der Copyright-Extremisten zu suggerieren, dass alles in unserem Gebrauch geregelt und kontrolliert werden muss. Wenn wir es schaffen, in den nächsten 10 bis 15 Jahren diese Mentalität zu knacken, haben wir einen riesigen Fortschritt geschafft.

(Patrick Schenck vom Trendbüro führte am 04.02.2009 das Telefoninterview mit Lawrence Lessig.)

05. Mai 2009 | Autor: Antje Schünemann | Kommentieren

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